Charrette

Vom Wutbürger zum Gestaltungsbürger: Das Bürgerengagement für das Konversionsgebiet Güterbahnhof Grunewald

 

Von Florian Schmidt (Initiative Stadt Neudenken, URBANITAS Berlin Barcelona)

 

Die Lücken im Stadtbild Berlins haben in den letzten zwanzig Jahren die Kreativität der BerlinerInnen auf den Plan gerufen. Nicht der so genannte Wutbürger zeichnet Berlin aus, sondern GestaltungsbürgerInnen. Insbesondere mit Interesse an innerstätischen Arealen treten zunehmend „do it yourself-Initiativen“ in Erscheinung. Aktuelle Beispiele sind: die Entwicklung am Holzmarkt, wo die ehemaligen Zwischennutzer eines Uferbereiches aus der Clubszene nun eines der begehrtesten Areale der Stadt gemeinsam mit der Schweizer Abendrot-Stiftung entwickeln werden. Der Prinzessinnengarten, welcher sich zunächst als Zwischennutzung auf einer Brache etablierte die später bebaut werden sollte und jetzt eine permanente Perspektive hat und dafür international als Beispiel für gemeinschaftliche Freiraumnutzung und –erhalt gefeiert wird. Die Entwicklung am Blumengroßmarkt, wo eine Initiative Stück für Stück Bezirk, Senat und die landeseigene Großmarkt GmbH (den Eigentümer) überzeugte, für ein 18.000qm großes Baufeld ein innovatives Konzeptverfahren zur Entwicklung eines kleinteiligen Kunst- und Kreativquartiers durchzuführen. Diese und andere Initiativen praktizieren erfolgreich alternative Modelle von Stadtentwicklung, professionell und öffentlich. Sie alle haben erheblichen politischen Widerstand gebrochen und dazu parallel kostenintensive Projektentwicklung betrieben.

 

Die Peripherie Berlins macht unterdessen eher mit klassischem Bürgerprotest auf sich aufmerksam. Hier die Wut über Flugrouten, dort die Empörung über einen Moscheebau. Ab und zu trifft man auf redliches Engagement für einen besseren Städtebau, und Initiativen gegen Rechtsradikalismus sind gerade im Osten nicht selten. Allerdings nehmen bekannte Protestinitiativen wie Mediaspree Versenken oder 100% Tempelhof der letzten Jahre auch auf Innenstadtareale Bezug. Und auch innerhalb des S-Bahnrings gibt es viele kleine Protestinitiativen die sich oft gegen Baumaßnahme oder Verkehrsplanung und für den Schutz der Umwelt  einsetzen.

 

Einen Sonderfall könnte das Engagement um den ehemaligen Güterbahnhof Grunewald, im Ortsteil Wilmersdorf, im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf darstellen. Zunächst sah alles nach einer klassischen Anwohnerprotestbewegung aus. Die Anwohner der Einfamilienhaussiedlung Eichkamp empörten sich, dass in ihrer unmittelbaren Nähe auf einer 14 Hektar großen ehemaligen Bahnanlage zwei große Möbelhäuser entstehen sollten. Sie befürchteten einen Verkehrskollaps auf der Avus und dem zwischen Messe und Ku`damm gelegenen bereits sehr frequentierten Verkehrsknotenpunkt.

 

Die Eichkamper gründeten eine Bürgerinitiative mit dem Namen „Zwischen den Gleisen“ und widmeten sich intensiv dem Kampf gegen die Pläne von Kurt Krieger, dem neuen Eigentümer der inselartigen Brache. Schnell war klar, dass die Pläne Kriegers auch im Bezirksamt und der Bezirksverordnetenversammlung keine Unterstützung fanden. Doch Krieger schien sein Vorhaben systematisch voranzutreiben, unter anderem indem er dort, wo er eine Zufahrt direkt von der Autobahn (Avus) plante, Grundstücke nach und nach aufkaufte. Da für das Grundstück keinerlei Planungsrecht besteht, war den Eichkampern klar, dass Krieger die Initiative für ein B-Planverfahren ergreifen könnte und damit erheblichen Druck auf den zuständigen Bezirk ausüben würde. Ein Gegenkonzept für die Fläche musste her. Denn wenn der Bezirk ein Alternativkonzept hätte, könnte er bei Bedarf einen B-Plan aufstellen und damit einem Vorhabenbezogenen B-Planverfahren, initiiert von Krieger, zuvorkommen. So begann die  Initiative zwischen den Gleisen die Suche nach einem eigenen Konzept.

 

Mit der Ansprache von Andreas Krüger, Entwickler des Aufbauhauses am Moritzplatz in Kreuzberg und einem der Repräsentanten jener „Do it Yourself-Initiativen“ und meiner Person, der ich die Entwicklung am Blumengroßmarkt mit initiiert und getragen habe, gingen die Eichkamper einen Schritt, den bis dato kaum eine Anwohnerinitiative gegangen war. Man bat uns, einen aufwendigen Workshop durchzuführen um Ideen gemeinsam mit Bürgern, Bezirksamt, Bezirksverordneten und Fachleuten Ideen und Dialogstrategien für das Areal zu entwickeln. Der Workshop fand statt. Drei Monate später verkündete Kurt Krieger seine Pläne für den Güterbahnhof Grunewald für 10 Jahre auf Eis zu legen. Als Grund gab er die Ablehnung im Bezirk an. Allerdings hatte ebenfalls kurz nach dem Workshop der Berliner Senat in seinem Fachmärktekonzept für ganz Berlin bestimmt, dass auf diesem Areal kein Fachmarkt entstehen solle.

 

Unterdessen hatte sich die BI Zwischen den Gleisen mit einem erweiterten Dialogteam um Andreas Krüger und Florian Schmidt darauf verständigt, sich um Unterstützung bei der Heinrich Böll Stiftung zu bemühen, welche für ein größeres Bildungsprojekt zum Thema partizipative Stadtplanung auf der Suche nach einem Areal in Berlin war. Die Bewerbung war erfolgreich. In der Konsequenz wird im Herbst 2013 ein Charretteverfahren durchgeführt, bei dem Anwohner, Fachleute und Interessierte aus ganz Berlin in einen intensiven Dialog über die Zukunft des ehemaligen Güterbahnhofs treten. Ergebnis soll ein Entwicklungskonzept sein, evtl. auch zwei Varianten, welches in naher Zukunft umgesetzt werden könnte. Ziel ist es, dabei auch die innerstädtische do it yourself-szene auf das Grundstück aufmerksam zu machen. Aus diesem Dialog könnten, so die Hoffnung der Organisatoren, innovative und nachhaltige Planungsansätze hervorgehen, welche sowohl den Bedürfnisse des Umfeldes Rechnung tragen als auch von der neuen Berliner Urbanität geprägt wären – also Kleinteiligkeit von Eigentumsverhältnissen, sozialer und kultureller Nutzungsmischung, welche die vielen kreativen und selbstinitiierten Projekte in der Innenstadt ausmachen.

 

Stück für Stück hat die Initiative sich von einer Protest- zu einer Gestaltungsinitiative gewandelt und hat dabei Freundschaft geschlossen mit jenen Akteuren einer neuen Initiativkultur, die bisher in multikulturellen und alternativ geprägten Innenstadtquartieren agierten und ein Sprachrohr in der Initiative Stadt Neudenken gefunden haben. Dieser Vorgang stellt für Berlin ein Novum dar. Er könnte jedoch auf Grund zahlreicher Konversionsflächen und anderer entwickelbarer Areale außerhalb des S-Bahnrings richtungsweisend sein.

 

Es ist die Grundidee der kürzlich begrabenen Internationalen Bauausstellung, IBA 2020 gewesen, „Stadt in der Stadt“ zu schaffen und dies unter Beteiligung der Bürger. Gemeint ist, dass im ganzen Stadtgebiet Urbanität entstehen kann. Auch das IBA-Motto „Drinnenstadt Draußenstadt“, welche nach den Potentialen von Wechselwirkungen zwischen innerstädtischen und peripheren Gebieten und Strategien fragt, trifft auf den Fall des Güterbahnhofs Grunewald zu. Nicht ohne Grund gründete sich bereits vor einem Jahr die Initiative DIY-IBA (do it yourself IBA),  welche davon ausging, dass die zahlreichen selbstinitiierten Projekte und Entwicklungen an sich schon eine IBA darstellen.

 

Die Ambition des geplanten Planungsverfahrens, unter dem Titel „Charrette(verfahren) BürgerInnen planen ihre Stadt“, welches die Eichkamper mit den kreativen Stadtgestaltern aus der Innenstadt zusammen bringen soll, wird zeigen, ob  der ehemalige Güterbahnhof Grunewald zu einem Experimentierfeld einer bürgerinitiierten Stadtentwicklung in der „Draußenstadt“ werden kann. Die Weichen dafür haben die Eichkamper jedenfalls gestellt.

 

LINKs zu genannten Projekten

Bürgerinitiative zwischen den Gleisen: http://bi-zwischen-den-gleisen.de

Blumengroßmarkt: www.krativ-quartier-berlin.de

Holzmarkt: www.holzmarkt.com

Prinzessinengarten: http://prinzessinnengarten.net

Do it yourself-IBA (DIY-IBA): www.diy-iba.net

Initiative Stadt Neudenken: www.stadtneudenken.net

 

Programm Charetteverfahren Güterbahnhof